Leseprobe · Kapitel 1

Der Spiegel im neuen Zimmer

Der Spiegel war nur Glas.

Bis er atmete.

Ein kaum hörbares Sssrr glitt durch das neue Zimmer, als hätte jemand an einer unsichtbaren Saite gezupft.

Clara hörte es zuerst.

Sie saß im Schneidersitz auf ihrer Matratze, die noch ohne Bettgestell direkt auf dem Boden lag, und starrte auf ihr Notizbuch. Auf der ersten Seite stand in sauberer Schrift:

Plan für unser neues Zimmer

Darunter hatte sie bereits eine Liste begonnen.

  1. Kisten sortieren
  2. Kleidung einräumen
  3. Bücher ins Regal
  4. Schreibtischplatz festlegen
  5. Lumi davon abhalten, Chaos zu machen

Punkt fünf hatte Clara doppelt unterstrichen.

Sie war zwölf Jahre alt, trug ihre Brille meistens ein kleines Stück zu tief auf der Nase und hatte wilde dunkelblonde Locken, die aussahen, als hätte ein Sturm beschlossen, hübsch zu werden. Ihre Mutter fand das charmant.

Clara nicht.

Stürme waren unordentlich.

Und Unordnung war etwas, das man mit Geduld, System und genügend Klebezetteln beseitigen konnte.

Eigentlich.

Doch dieses Zimmer widersetzte sich jedem Versuch, logisch zu werden.

Überall stapelten sich Umzugskisten. Manche waren beschriftet, andere nicht. Auf einer stand mit schwarzem Filzstift:

BÜCHER / WINTER / VIELLEICHT SPIELE?

Allein der Gedanke daran verursachte Clara beinahe körperliche Schmerzen.

Eine Kiste konnte nicht gleichzeitig Bücher, Wintersachen und vielleicht Spiele enthalten.

So begann Chaos.

Am Fenster hing noch kein Vorhang. Der Schrank war nur halb aufgebaut. Neben einer Lampe lag ein Schraubendreher, den Papa seit gestern suchte.

Und an der Wand gegenüber der drei Matratzen hing der Spiegel.

Er war zu alt für dieses Zimmer.

Der Rahmen bestand aus dunklem Holz, fast schwarz, doch unter der Oberfläche schimmerte an manchen Stellen ein warmer Goldton hervor. Sterne waren hineingeschnitzt worden. Kleine Sterne. Große Sterne. Ganze Sternbögen, verbunden durch feine Linien, die wie Wege auf einer Karte wirkten.

Das Glas selbst war nicht ganz glatt.

Wenn Clara nur flüchtig hinsah, wirkte alles normal.

Doch sobald sie genauer hinschaute, erkannte sie feine Risse.

Sie verliefen nicht chaotisch wie bei einem kaputten Spiegel. Sie bildeten Muster. Manche erinnerten an Äste, andere an Sternbilder aus Claras Astronomiebuch.

Der Spiegel hatte bereits im Haus gehangen, als sie eingezogen waren.

„Den lassen wir da“, hatte Mama gesagt. „Der passt irgendwie zu euch.“

Clara hatte widersprechen wollen.

Ein alter, rissiger Spiegel gehörte ihrer Meinung nach nicht in ein Kinderzimmer. Erst recht nicht in eines, das drei Schwestern teilen mussten.

Doch Mama hatte diesen Blick gehabt, der bedeutete:

Wir schleppen seit sechs Stunden Möbel. Bitte fang jetzt keine Diskussion über Innenarchitektur an.

Also hing der Spiegel noch immer dort.

Und jetzt hatte er ein Geräusch gemacht.

Clara hob langsam den Kopf.

Ein altes Haus arbeitet, dachte sie sofort.

Das hatte Papa gestern beim Abendessen erklärt, nachdem irgendwo im Dach ein Knacken erklungen war und Lumi behauptet hatte, dort oben wohne bestimmt ein kopfloser Seiltänzer.

„Häuser dehnen sich bei Temperaturveränderungen aus“, hatte Papa gesagt.

Lumi hatte daraufhin gefragt, ob kopflose Seiltänzer das auch täten.

Clara schob die Brille hoch und sah zum Spiegel.

Nichts.

Nur ihr eigenes Spiegelbild blickte zurück.

Neben ihr lag Alina auf dem Bauch und malte mit einem grünen Buntstift kleine Blätter an den Rand eines Kartons. Alina war zehn und hatte lange, glatte dunkelblonde Haare, die ihr wie ein weicher Vorhang über die Schultern fielen.

Während Clara Dinge ordnete und Lumi Dinge durcheinanderbrachte, hörte Alina zu.

Menschen.

Tieren.

Geräuschen.

Manchmal sogar Dingen, die laut Clara überhaupt nichts sagen konnten.

Auf Alinas Rücken saß Minka.

Die schwarze Katze mit den weißen Pfoten hatte die Augen halb geschlossen. Ihr Fell glänzte im Licht des Fensters, und ihre grünen Augen wirkten oft viel zu aufmerksam für eine gewöhnliche Katze.

Minka bewegte sich selten hektisch. Sie wirkte eher wie ein Wesen, das längst mehr wusste als alle anderen im Raum.

Jetzt waren ihre Ohren aufgestellt.

Clara runzelte die Stirn.

„Habt ihr das gehört?“

Alina hob den Kopf. „Was denn?“

„Dieses Geräusch.“

Clara deutete auf den Spiegel.

Alina sah hin.

Minka ebenfalls.

Für einen kurzen Moment wurde das Zimmer still.

Dann polterte es aus einer der Kisten.

„Gefunden!“

Der Deckel flog auf, und Lumi tauchte daraus auf wie ein Schatzsucher aus einer Piratentruhe.

Sie war acht Jahre alt, voller Sommersprossen und besaß genau den Blick, bei dem Erwachsene sofort ahnten, dass in wenigen Sekunden irgendetwas umfallen würde.

In der Hand hielt sie einen alten Stock.

„Seht mal! Ein Piratenschwert!“

„Das ist ein Stock“, sagte Clara.

„Ein magischer Piratenstock.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Du ergibst manchmal keinen Sinn.“

Lumi sprang aus der Kiste und schwang den Stock durch die Luft.

Alina setzte sich auf. „Pass auf Minka auf.“

Minka sprang elegant von ihrem Rücken, landete lautlos auf dem Boden und setzte sich direkt vor den Spiegel.

Clara bemerkte es sofort.

„Warum sitzt sie da?“

„Weil Katzen sitzen, wo sie wollen“, sagte Lumi und hob den Stock wie eine Fahne. „Ich bin Kapitän Lumi, Herrscherin über das neue Zimmer und alle unbeschrifteten Kisten!“

„Die Kisten müssen beschriftet werden.“

„Nein. Sie müssen erforscht werden.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Doch. Nur spannender.“

Clara schloss kurz die Augen.

Sie hatte einmal gelesen, man solle in schwierigen Situationen bis fünf zählen.

Eins.

Lumi sprang auf eine Kiste.

Zwei.

Die Kiste knackte gefährlich.

Drei.

Alina sagte vorsichtig: „Lumi?“

Vier.

Minka starrte noch immer auf den Spiegel.

Fünf.

„Runter da“, sagte Clara.

Lumi grinste.

„Du bist nicht Mama.“

„Nein. Aber ich bin die Einzige hier mit einem funktionierenden Plan.“

„Deine Pläne sind langweilig.“

„Meine Pläne verhindern Knochenbrüche.“

„Vielleicht wollen meine Knochen Abenteuer.“

„Knochen wollen keine Abenteuer.“

„Hast du sie gefragt?“

Alina lachte leise.

Clara warf ihr einen Blick zu. „Nicht hilfreich.“

„Entschuldigung.“

Doch sie lächelte immer noch.

In diesem Moment kam das Geräusch erneut.

Sssrr.

Diesmal hörten es alle.

Lumi blieb mitten auf der Kiste stehen.

Alinas Lächeln verschwand.

Und Minka richtete sich langsam auf.

„Das war nicht das Haus“, flüsterte Alina.

Clara wollte widersprechen.

Wollte erklären.

Wollte beweisen, dass es eine vernünftige Ursache gab.

Doch dann sah sie, wie sich einer der feinen Risse im Spiegel bewegte.

Nur ein Stück.

Aber eindeutig.

Wie eine dünne, silbrige Ader kroch er über das Glas.

Lumi sprang von der Kiste.

„Habt ihr das gesehen?“

„Nein“, sagte Clara sofort.

Dann schluckte sie.

„Ich meine … doch.“

Der Spiegel wurde dunkler.

Nicht schwarz.

Eher tief.

Als läge hinter dem Glas ein Raum, in dem jemand langsam das Licht löschte.

Die Sterne im Rahmen begannen schwach zu glimmen.

Die feinen Risse schimmerten silbern.

Minka hob eine Pfote.

Und berührte das Glas.

Der Spiegel atmete.

Ganz leise.

Clara spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Alina rückte näher.

Und Lumi griff nach Claras Hand, ohne zu fragen.

Das tat sie sonst nie.

Für einen einzigen Moment standen die drei Schwestern nebeneinander.

Kein Streit.

Keine Listen.

Keine Regeln.

Nur sie.

Und der Spiegel.

Dann erlosch das Leuchten.

Das Glas wurde wieder hell.

Die Risse lagen still.

Minka zog die Pfote zurück und lief davon, als wäre nichts geschehen.

Lumi flüsterte:

„Das war eindeutig kein Holz.“

Clara antwortete nicht.

Langsam setzte sie sich wieder auf ihre Matratze, zog ihr Notizbuch heran und schlug eine neue Seite auf.

Oben schrieb sie:

Der Spiegel

Darunter setzte sie drei Punkte.

  1. Atmet
  2. Risse bewegen sich
  3. Minka weiß etwas

Dann hielt sie inne.

Zum ersten Mal an diesem Tag wusste Clara nicht, was Punkt vier sein sollte.

Und das machte ihr mehr Angst als der Spiegel selbst.